Historisches

Bomben, Bunker und Ruinen

Stralsunder Straße 67-60/Brunnenstraße 58, 1945. Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke

Stralsunder Straße 60–67 Ecke Brunnenstraße im Jahr 1945. In den 1950er-Jahren wurde das Grundstück mit einem neuen Häuserblock bebaut.

2019 jährt sich zum 80. Mal der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Wie hat das Brunnenviertel diese Schreckenszeit erlebt? Teil 1 von 2: Luftkrieg.

Am 1. September 1939 – dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg seinen Anfang nimmt – heulen auch in Berlin die Sirenen. Zwar ist dieser Luftalarm nur eine Vorsichtsmaßnahme, aber er kündet schon von dem apokalyptischen Unheil, das der Reichshauptstadt in den folgenden Jahren bevorsteht.

Noch scheint Berlin außerhalb der Reichweite feindlicher Flugzeuge zu sein. Aber bereits ein Jahr später, in den frühen Morgenstunden des 26. August 1940, erreichen britische Kampfflieger erstmals das Stadtgebiet. Zwar wird bis auf ein paar Laubenbrände kein Schaden angerichtet, aber der Krieg ist nun vor den Haustüren der Berliner angelangt. Die Fliegerangriffe und deren Auswirkungen nehmen stetig zu. Anfang Oktober 1940 – inzwischen ist bereits der 31. Luftalarm ausgerufen – wird auch der südliche Teil des Gesundbrunnens (das heutige Brunnenviertel) davon betroffen. Allein hier sind zwei Tote, 14 Verletzte und zahlreiche beschädigte Gebäude, darunter das Lazarus-Krankenhaus, zu beklagen.

Um das Regierungsviertel zu sichern, werden auf Befehl Hitlers rund um das Berliner Zentrum drei Hochbunker errichtet, einer von ihnen am Humboldthain. Die aus Leit- und Gefechtsturm bestehende Anlage wird für die Menschen in Gesundbrunnen in den kommenden Jahren Segen und Fluch zugleich sein. Einerseits bieten die riesigen Bauten bis zu 30.000 (!) Anwohnern Schutz vor den Bombardements, andererseits ziehen die mit Kanonen bewehrten Türme umso heftiger das gegnerische Feuer auf sich und die umliegenden Gebäude. Viele Menschen suchen indes kleinere Luftschutzkeller und Schutzräume auf, die allerdings nicht immer sicher sind. So zerstört auf dem BVG-Gelände Usedomer Straße am 8. Mai 1944 ein Volltreffer den dort eingerichteten Schutzraum – 60 Gefallene registriert die Hauptluftschutzstelle.

Während der „Luftschlacht um Berlin“ von November 1943 bis März 1944 legen alliierte Bomber ganze Stadtteile in Trümmer, auch der südliche Wedding nimmt dabei schweren Schaden. Meyers Hof in der Ackerstraße – Berlins berühmt-berüchtigte Mietskaserne – wird großenteils zerstört. Von den sechs Quergebäuden bleiben nur zwei erhalten.

Neben etlichen Wohnhäusern trifft es auch öffentliche Bauten und Fabriken: Die Polizeireviere 52 (Wolgaster Straße 13) und 53 (Usedomer Straße 18b) sind Totalschäden ebenso wie die Volksschule (Wattstraße 16) und die Sprachhilfsschule (Putbusser Straße 3). Essig-Kühne an der Voltastraße, ein Teil der AEG-Hallen und die Volksschule (Strelitzer Straße 41a) sind erheblich beschädigt. Ausgebombte Anwohner werden in Sammelunterkünften zusammengeführt, zum Beispiel in der Methodistenkapelle, Rügener Straße 5. Von hier bekommen sie andere Unterkünfte zugewiesen. Die Zahl der Getöteten und Verletzten ist nicht bekannt.

Im Februar und März 1945 erlebt Berlin noch einmal besonders verheerende Tag- und Nachtangriffe. Im heutigen Brunnenviertel macht eine Luftmine den Häuserblock Bernauer/Wolliner Straße dem Erdboden gleich, weitere Wohngebäude werden in der Ramler-, Graun- und Ruppiner Straße zerstört. Um den 20. April finden die Luftangriffe auf Berlin nach fast 400 Fliegeralarmen ihr Ende. Zu diesem Zeitpunkt ist die Stadt fast vollständig eingeschlossen, bereits wenige Tage später kämpft sich die Rote Armee mit Panzern und schwerer Artillerie in Richtung Regierungsviertel vor. Im Zuge dieser Offensive wird die Gegend um den Gesundbrunnen bald erneut zum Schauplatz von Tod und Verwüstung.

Hinweis: In der August-Ausgabe des Kiezmagazins brunnen erscheint Teil 2: Endkampf.

Text: Alexander Dowe, Foto: Sammlung Ralf Schmiedecke
Der Text ist im Kiezmagazin, Ausgabe 1/2019 erschienen.

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