Nachbarschaft

Ein offener Raum im Lockdown

Wandelgang der Kapelle der Versöhnung

Wandelgang der Kapelle der Versöhnung mit Schnee. Foto: Thomas Jeutner

Täglich erklingt in der Kapelle der Versöhnung auf dem ehemaligen Grenzstreifen in der Bernauer Straße die Orgel. Es ist kein Konzert, doch die Tür der Kapelle steht offen. Wer dort spielt und warum, ist in diesem Gastbeitrag erklärt.

Ich mag Kirchräume. Gerade wenn sie leer sind, entfalten sie ihre besondere Wirkung als Raum. Ein Raum der Stille und des Gebets, ein Raum, der dich schützend umgibt und gleichzeitig voller Weite ist. Die Kapelle der Versöhnung ist sowohl durch ihre Architektur als auch durch ihr Material ein sehr besonderer Raum, der immer wieder Menschen begeistert. In den Lehm eingewebt sind Gesteinsreste der alten Kirche, ist die Geschichte des Ortes.

Zur Zeit befindet sich die Kapelle im Winterschlaf. Sie ist eiskalt und dämmerig, die Blumen neben dem Altar sind welk. Eine Stunde am Tag, wenn ich mit Wärmflasche ausgestattet an der kleinen Orgel sitze und für den nächsten Gottesdienst im Moabiter Gefängnis übe, lasse ich die Kapelle offen, damit auch andere Menschen diesen Ort als einen der wenigen offenen Räume im Lockdown genießen können.

Blick in die Kapelle der Versöhnung

Blick in die Kapelle der Versöhnung. Foto: Johann Subklew

Und tatsächlich zieht es immer wieder zufällig Vorbeikommende hinein: Eine Kindergartengruppe mit staunenden Kindergesichtern, ein sehr interessierter Kirchenrestaurator, ein koreanischer (?) Tourist , der sich stolz hinter dem Altar positionierend fotografieren lässt, ein Jugendlicher, der lange ganz still mit dem Blick zum Altar steht. An einem besonders trüben Januartag zünden einige Besucher Gedenkkerzen an. Eine Finnin ist so beseelt von Raum und Orgelklang, dass sie meint, ich sei ihr „Engel des Tages“.
Ihre Freude springt auch auf mich über und trägt mich durch den Tag.

Organistin Johanne Braun übt in der Kapelle. Foto: Annette Diening

Wenn Sie an der Kapelle vorbeigehend Orgelklänge hören, kommen Sie gerne hinein. Wundern Sie sich aber nicht, wenn Sie außer Pedalübungen, Chorälen und Präludien mal eine „Harry Potter“- oder „Star Wars“-Melodie hören. Ich erweitere gerade mein Repertoire für die Wurlitzer Kinoorgel im Musikinstrumentenmuseum, die ich hoffentlich irgendwann wieder spielen darf.

Text: Johanne Braun, Foto

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