Nachbarschaft

Eine Botschaft des Friedens

Am 27. Juli ist das Roggenfeld an der Kapelle der Versöhnung in der Bernauer Straße gemäht worden. Insgesamt 200 Kilogramm Getreidekörner wurden geerntet. Das Getreidefeld mitten in der Stadt ist 2005 angelegt worden, fünf Jahre nach dem Bau der Kapelle. Es sollte ein Zeichen gesetzt werden und der ehemalige Todesstreifen der Berliner Mauer durch diese Nutzung mit Leben erfüllt werden.

Blick von oben auf die Ernte 2022. Foto: Michael Becker
Blick von oben auf die Ernte 2022. Foto: Michael Becker

In diesem besonderen Jahr mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine hat der Roggenanbau eine zusätzliche Bedeutung bekommen. Er erinnert an die Friedensaktion in der ehemaligen DDR „Schwerter zu Pflugscharen“ in den 1980er Jahren. Die Aufnäher waren mit dem Bild der gleichnamigen Skulptur bedruckt, die die Sowjetunion 1959 der UNO gestiftet hatte. Ein Schmied krümmt das Schwert mit kraftvollen Hammerschlägen zum Pflug. Die Inschrift unter dieser Skulptur, aufgestellt vor dem UNO-Gebäude in New York, ging zurück auf das Bibelwort: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.“ (Altes Testament, Buch Micha 4,3)

1989 kam die Sowjetunion dieser Vision sehr nahe: Sie zog sich nach über zehn Jahren Krieg aus Afghanistan zurück und ließ die Völker ihres Machtbereiches in Europa eigene Wege gehen. Den Eisernen Vorhang ließ sie weitgehend friedlich fallen.

Das Roggenfeld an der Kapelle der Versöhnung ist eine Versinnbildlichung des Wandels von Schwertern zu Pflugscharen. Auf dem 1961 durch den Mauerbau von Schwertern des Kalten Krieges gezogen
Grenzstreifen ziehen sie nun verwandelt in Pflugscharen Furchen für den Ackerbau.

Russen und Ukrainer waren 1989 Teil der sowjetischen Unionsrepublik, die Europa die Freiheit schenkten. Somit mahnt die Ernte des Roggens in diesem Jahr besonders eindringlich an ihre gemeinsame Friedensverantwortung. Beide Länder sind nach der Selbstauflösung der Sowjetunion 1991 ihrer Wege gegangen.

Das Roggenfeld ist in der aktuellen Situation auch eine Mahnung. Das Ziehen um die Ukraine erinnert etwas an das Drama vom kaukasischen Kreidekreis. Eine Mutter hatte ihr Kind wegen eigener Probleme verlassen. Eine andere Frau nimmt sich des Kindes an und zieht es unter Gefahr auf. Nach ein paar Jahren will die Mutter ihr Kind zurück, um sich Erbansprüche zu sichern. Es kommt zu einem Gerichtsprozess. Der Richter zieht einen Kreidekreis um das Kind. Beide Frauen sollen das Kind herausziehen. Weil: Das würde nur der richtigen Mutter gelingen. Die Ziehmutter bringt es nicht über das Herz, dem Kind Schmerz zuzufügen und lässt es los. Der Richter spricht ihr das Kind als wahrer Mutter zu.

Am Umgang mit dem ukrainischen Getreide als strategischem Druckmittel wird deutlich, was passiert, wenn aus Pflugscharen wieder Schwerter werden. Frieden muss aus dem Herzen kommen. Nur dann kann er physischer Gewalt Einhalt gebieten. John Lennon und Yoko Ono sangen bereits 1971 in ihrem Lied „Merry Xmas“: „War is over – if you want it.“ Der Krieg ist vorbei, wenn du es willst.

Eine Helferin harkt das Stroh zusammen. Foto: Michael Becker
Eine Helferin harkt das Stroh zusammen. Foto: Michael Becker

Text: Michael Becker, Fotos: Michael Becker, Dominique Hensel

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