Streifzüge im Kiez

Stadtbaum der Zukunft?

Götterbaum

Ein Mauerspalt genügt dem Götterbaum. Foto: Elke Behrends

Hauptsache Grün – so dachte Corinna Neinaß bisher, wenn sie durch die Straßen ging. Doch seit sie Pflanzen mit einer App bestimmt, schaut sie genauer hin. Besonders beim Götterbaum.

Im Humboldthain, nicht weit vom Schwimmbad, da wächst etwas zum Himmel. Was da in die Höhe schießt, ist der Götterbaum. Seinen botanischen Namen – Ailanthus altissima – könnte man mit Himmelsbaum übersetzen.

Wildes Grün

Ich entdecke den Baum mit den langen Fiederblättern erstmals im Sommer. Bei Recherchen im Netz finde ich die Seite www.wildesgrueninberlin.de mit schönen Fotos und Texten von Elke Behrends. Wir verabreden uns zu einem Spaziergang im Brunnenviertel, und ich zeige ihr meine Entdeckungen: den Götterbaum, der über das Dach der Schulturnhalle reicht, Götterbäume neben Straßenbäumen in Gleim- und Lortzingstraße, oder den Götterbaum, der sich zwischen die Platten eines Hauses zwängt. Bei aller Faszination für Wildwuchs – da müsse doch etwas getan werden, finde ich.

Außer schönen Fotos schickt mir Elke Behrends später noch einen interessanten Link. Offenbar ist nun tatsächlich meine Meinung zum Götterbaum gefragt. Durch eine EU-Verordnung (Nr. 1143/2014) wird der Umgang mit nichteinheimischen Arten geregelt. Und zwar einheitlich und rechtsverbindlich, sobald sie sich stark ausbreiten und etwa die Artenvielfalt bedrohen könnten. Jedes Land soll festlegen, wie es gegen die Ausbreitung vorgeht, muss vorher aber seine Bürger befragen. Offiziell heißt das „anhören“. Ich klicke mich durch die verlinkten Dokumente der Seite (www.anhoerungsportal.de) und lerne immer mehr über den Götterbaum.

Überall ist Götterbaum

Und – er scheint überall zu wachsen: Ob neben Straßenbäumen oder an Zäunen, ob in der Gustav-Meyer-Allee oder am Vinetaplatz – der Ailanthus macht sich breit, auch rund um das ehemalige Gymnasium. In meinem Hof wächst er aus Hecken, und in einer Haus-​ecke sehe ich mehrere dünne Stämme. Einige der langen Fiederblätter bewegen sich neben dem Balkon im ersten Stock. Ich trete näher und komme mit der Bewohnerin im Erdgeschoss ins Gespräch: „Ja, der Baum wird jedes Jahr zurückgeschnitten, aber er treibt immer wieder neu aus.“ Das hatte ich auch schon gelesen: Ein Rückschnitt ist für den Ailanthus das Signal zu neuem Wachstum. Die Wurzelausläufer können sogar bis zu 15 Meter lang werden. Ein Essigbaum, wie meine Nachbarin vermutet, ist dies aber nicht. „Die Blättchenränder vom Götterbaum sind glatt und haben unten am Stiel ein bis zwei Zähne“, erkläre ich ihr. Ich telefoniere auch mit Schulen und Kitas im Kiez, um sie auf den Wildwuchs vor ihrer Tür aufmerksam zu machen. Vom Götterbaum hatten die meisten noch nicht gehört. Ein Hausmeister weiß aber, wovon ich rede und auch, dass das Straßen- und Grünflächenamt zuständig sei.

Alles unter Kontrolle?

Götterbaum

Die Kraft des Götterbaums in der Putbusser Straße.

Ich frage beim Bezirksamt nach und man bestätigt mir, was ich ohnehin schon ahne: Es gebe nicht genug Personal für die umfangreiche Pflege, die für den Götterbaum nötig wäre und chemische Bekämpfung würde sich verbieten. Und – man wolle vor allem die weiblichen Bäume in den Fokus nehmen. Ach richtig, Götterbäume sind zweihäusig und nicht an allen Bäumen sehe ich die inzwischen braun gewordenen Fruchtstände. In jeder der Tausenden Früchte in Flügelform liegt ein flaches Samenkorn. 100 oder 300 Meter entfernt kann leicht ein neuer Baum entstehen. Eine Mauerritze genügt, denn Ansprüche an den Boden stellen Götterbäume nicht. Sogar mit Streusalz kommen sie zurecht. Respekt.

Der Götterbaum bringt kostenloses Grün in die Stadt, das Kosten verursacht, will man es beseitigen. Kosten und Nutzen müssen abgewogen werden. Und das Stadtklima wird durch Götterbäume auch verbessert.

Die Kraft der Natur

Man müsse ihn daher differenziert betrachten, findet Ingo Kowarik, Professor für Ökosystemkunde an der Technischen Universität Berlin und ehrenamtlich Landesnaturschutzbeauftragter. Zumindest in Berlin sehe er die Artenvielfalt durch den Götterbaum nicht bedroht. In einem Interview mit Inforadio erläutert er, dass der einstige Zierbaum auf den Brachen der Stadt nach Krieg und Mauerfall gut gedeihen konnte und ihm auch das wärmere Stadtklima und der Klima-wandel nutzen. Hitze und Trockenheit vertrüge er gut, er sei ein Stadtbaum der Zukunft und wir würden mit ihm leben müssen.

Götterbaum

Götterbaumhain über Mauersegmenten in der Bernauer Straße.

In seinem Vortrag „Der Mauerstreifen als Ökosystem“ auf einer Tagung, organisiert von der Stiftung Berliner Mauer, bezeichnet Kowarik den Götterbaum gar als Symbol für die Kraft der Natur.* Ich fahre den Mauerweg entlang, an der Liesenstraße, wo die Götterbäume über Gräbern wachen und wachsen und dem einstigen Todesstreifen trotzen. Ich staune über den Götterbaumhain, der sich an der Bernauer Straße über Mauersegmenten gebildet hat und radle auf dem Mauerweg zur Swinemünder Straße. Ein junger Götterbaum liegt zersägt am Boden und ich bin seltsam berührt. Es ist doch ein Lebewesen. Die drei jungen Stämme im Humboldthain sind Ende Oktober aber weiter am Wachsen. Einen konkreten Vorschlag zum Umgang mit dem Götterbaum habe ich noch nicht, aber er wird mich beschäftigen. Und ich hoffe, die Leserinnen und Leser dieses Artikels auch.

Götterbaum

Fruchtstände des Götterbaums mit tausend Samen.

*Der 30-minütige Vortrag kann im Podcast „Hörsaal“ vom 23. Mai 2020 unter www.deutschlandfunknova.de gehört werden.

Text und Fotos: Corinna Neinaß, Fotos: Corinna Neinaß, Elke Behrends

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