Historisches

Kreuz der alten Schrippenkirche zurück

Emaille-Kreuz

Emaille-Kreuz von Hans Joachim Burgert. Foto: Michael Becker

Ein besonderes Kunstwerk aus alter West-Berliner Zeit wurde am 20. November im Kiez enthüllt. Es handelt sich um ein Emaille-Kreuz des Bildhauers Hans Joachim Burgert (1928-2009), das er 1963 für die Schrippenkirche in der Ackerstraße 52 geschaffen hatte.

Zunächst: Schrippenkirche – Wie kommt eine Kirche zu solch sonderbarem Namen? Das hat mit dem sozialen Hintergrund ihrer Entstehung zu tun. Der Journalist Constantin Liebig hatte 1882 einen Verein des Dienstes an Arbeitslosen gegründet. Der Verein bezog 1902 die Ackerstraße 52 mit einem Andachtsraum für 300 Menschen. Sonntags bekam jeder vor der geistlichen Rüstung auch einen Becher Kaffee und zwei Schrippen zur leiblichen Stärkung. Damit war der Name geboren.

Doch 1980 wurde die Kirche im Zuge der Sanierung des Brunnenviertels abgerissen. Das Kreuz fand anschließend für 20 Jahre eine neue Stätte im Gemeindehaus der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße. Mit Fertigstellung der Kapelle der Versöhnung im Jahr 2000 wurde es wieder an die Schrippenkirche zurück gegeben. Die betrieb mittlerweile in der Ackerstraße 136 ein Haus inklusiv für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Als schließlich die Stiftung Lobetal 2017 die Schrippenkirche übernahm, wurde ein öffentlicher Standort des Kreuzes ins Auge gefasst. Bereits 2007 war im Vorgarten an der Ackerstraße die Sandsteinskulptur einer Schrippe von Bildhauer Michael Spengler aufgestellt worden. So kam es nun zur feierlichen Enthüllung des Kreuzes in einer beleuchteten Vitrine am Eingang der Schrippenkirche. Eine Begleittafel erzählt von seiner wechselvollen Geschichte.

Das Kreuz, bestehend aus zehn Emaille-Kacheln, überrascht durch seine ungewöhnliche Gestaltung, da sie seine Vor- und Rückseite einschließt. Die Vorderseite der Kacheln ist mit Szenen aus der Bibel bemalt. Die zugehörigen Textzitate sind kunstvoll auf ihrer Rückseite geschrieben. Nur: normalerweise beim Stand des Kreuzes vor einer Wand kann keiner die Rückseite einsehen. Sohn Jonas Burgert (50) erklärte dazu, dass das Kreuz auch zu Prozessionen getragen  wurde. Seine Botschaft sollte sich nach allen Seiten mitteilen. In der Bildgestaltung habe sein Vater Wert darauf gelegt, die Menschlichkeit der biblischen Figuren zu betonen.

Das Interessanteste aber nimmt man erst bei näherer Betrachtung der Motive wahr. Die Senkrechte des Kreuzes wird aus sechs Situationen aus dem Leben Jesu, also dem Neuen Testament der Christen, gebildet. Der Querbalken stellt vier Szenen aus dem Alten Testament vor. Mit dieser bildlichen Verbindung gelang Burgert das Kunststück, im Symbol des Neuen Bundes, dem Kreuz, auch den alten Bund Gottes mit den Juden sichtbar zu machen.

Die Darstellung dieser Zusammengehörigkeit ist in heutiger Zeit von Bedeutung, in der es vermehrt zu Übergriffen auf jüdisches Leben in Deutschland kommt.

Text und Fotos: Michael Becker

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