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Neujahrswünsche für unseren Kiez – Teil 1

Das Einheitsdenkmal auf dem Flakturm im Humboldthain

Das Einheitsdenkmal auf dem Flakturm im Humboldthain. Foto: Michael Becker

Bald beginnt wieder ein neues Jahr. Das ist traditionell die Zeit der Wünsche. Die Menschen wünschen sich vor und nach dem Jahreswechsel gegenseitig alles Gute fürs neue Jahr. Die Bürgerredaktion wünscht das für 2020 auch allen Lesern und Leserinnen! Außerdem wünscht die Redaktion dem Brunnenviertel selbst alles Gute. Die Kiezredakteure haben ihre Neujahrswünsche für den Kiez zusammengetragen. Teil 1

Wünsche für den Kiez von Michael Becker

Ich wünsche mir für das kommende Jahr einen Wunschbrunnen. Welche Wünsche sollte er erfüllen können? Bislang wucherten die drei ehemaligen Grenzstreifen des Brunnenviertels, die Bernauer Straße, der Mauerpark und der Park am Nordbahnhof, separat vor sich hin. Jeder verarbeitete seine Grenzgeschichte eindrucksvoll, aber nur für sich. Die Bernauer Straße entwickelte sich zu einer Gedenkstätte. Der Mauerpark verwandelte sich in einen Freizeitpark. Der Grenzstreifen auf dem ehemaligen Gleisgelände des Stettiner Bahnhofes wurde weitgehend naturbelassen.

Ich würde mir wünschen, sie könnten ihre U-förmige geografische Verbundenheit untereinander nutzen, um eine Art von Verbund zu bilden. So böten sie Gelegenheit, auch öffentlich in dieser Zusammengehörigkeit wahrgenommen zu werden. Günstig wäre die Auffindung eines geeigneten Ortes für die Darstellung dieser Zusammengehörigkeit. Dort könnten sie sich in einer Art Kooperative untereinander austauschen. Mit welchen Zielstellungen?

Sie könnten hinterfragen, warum extreme Abschottungen wie der Mauerbau 1961 überhaupt vorgenommen werden mussten? Welche Form von Ratio muss es gewesen sein, wenn diese drastische Grenzsicherung als eine Maßnahme zur Bewahrung des Friedens gesehen wurde? Sie könnten hinterfragen, ob drastische Formen der Abgrenzung  kurzatmiger oder längerfristiger Natur sind? 28 Jahre Berliner Mauer mögen eine geschichtlich kurzatmige Angelegenheit sein, aber für ein Menschenleben prägend? Sie könnten hinterfragen, worauf etwaige Parallelen zu heutigen Grenzregimes in der Welt schließen lassen? Sind es immer ökonomische Hintergründe, die nur vordergründig ideologisch oder religiös begründet werden? Oder ist beides für viele untrennbar verbunden? Welche Spielräume haben kleine Länder im Machtgefüge großer? Welche Gefahren für die Identität der kleinen entstehen, wenn sie immer mit  den großen Wölfen heulen müssen? Werden sie selbst zu welchen?

Was veranlasst Menschen zu martialischen Abschottungen mit Wachturm und Schießbefehl? Überzeugungen, unbereinigte Schuldgefühle, systemkonformes Verhalten, Dankbarkeit gegenüber den Befreiern oder eine Mischung aus allem? Darüber könnte Austausch stattfinden, um heutige Befindlichkeiten zu hinterfragen.

Darüber hinaus lohnte es sicher, die Erfahrungen der genannten Grenzbereiche nach 1990 im Umgang mit den Stadtplanern auszuwerten. Welche Rolle spielten Bürgerwerkstätten und Proteste für ihre Gestaltung? Wie können beispielhafte Initiativen von Kiezen wie das Geschichtscafe „Anno erzählt“ des Brunnenviertel e.V. fortgeführt werden?

Voraussetzung wäre wohl ein geeigneter Ort für eine Kooperative der Brunnenränder. Er könnte auch auf der „östlichen“ Seite der ehemaligen Grenze liegen. Etwa in der Gegend der südlichen Brunnenstraße zwischen der Bernauer , Schönholzer und Rheinsberger Straße. So kann das Brunnenviertel von außen vielleicht besser wahr genommen werden?

Gut wär sicher, den Humboldthain als vierten Brunnenrand hinzu zuziehen. Er ist kein eigentlicher Grenzbereich aus der Teilung Berlins. Aber als ehemaligen Kriegsschauplatz mit seinen Flaktürmen auf dem Bunker hat er doch direkt mit der Ziehung der Nachkriegsgrenze zu tun.

Als fünfter, wenn auch nicht direkter, so doch anhängiger Grenzbereich, sollte noch die von ihren Paten so genannte Gleim-Oase in den Verbund des Wunschbrunnens aufgenommen werden. 1985 wurde sie von den Westberlinern als gut 500 Quadratmeter große längliche Parkinsel zu Füßen des geschlossenen Gleimtunnels mitten in die Straße gesetzt. Ein gutes Beispiel für den Umgang mit der damals 24 jährigen Ummauerung Westberlins. Mit schwungvoller Gestaltung, üppigem Bewuchs, Gitterrostskulpturen lud sie an Tischen und Bänken an diesem ungastlichen Ort zum Verweilen ein!

Hoffnungsvoller Epilog auf die Vergangenheit für einen künftigen hoffnungsvollen Prolog 

Die 28 jährige Mauergeschichte war immer ambivalent, nie einseitig. Einerseits  wurde sie von der DDR zum Friedensgarant der Welt stilisiert. Andererseits verwehrte sie ihren Bürgern durch Reiseverbot die praktische Weltanschauung, die ihnen in der Schule als einzig gültige gelehrt wurde. Durch die Mauertoten wurde sie zusätzlich ein Ort des Schreckens. Die Menschen waren bei allen relativen Fortschritten des Lebensstandards oft auch Willkür und Leid ausgesetzt. Die relativen Fortschritte  einer neuen Politik der Entspannung in den 70er Jahren führten letztlich in immer neue Sackgassen. Die Menschen bildeten zwischenzeitlich, wie die Natur auch in Mauerritzen grünt oder durch Gitter wächst, eigene neue Hoffnungswüchse aus. Es gab nie Stillstand.

Die Westberliner waren zwar eingemauert, konnten aber ihre Insel der Freiheit verlassen. Sie bemalten die eigentlich im Ostsektor stehende klinisch weiße Mauer bunt. Sie lebten immer mit einem Bein in der Zukunft. Noch oder bereits 1987 wurde auf der Plattform des Flakbunkers eine zweigeteilte, von einem Band umschlungene Stahlskulptur als Sinnbild der Einheit aufgestellt! Selbst einer der beiden Engel aus Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ von 1987 gab sein geistiges Himmelsleben zugunsten einer irdischen Liebe in der Mauerstadt auf.

Die Gleim-Oase im Frühjahr dieses Jahres

Die Gleim-Oase im Frühjahr dieses Jahres. Foto: Michael Becker

Text und Fotos: Michael Becker
Auszüge dieses Textes sind im Kiezmagazin „Wünsche für den Kiez“, Ausgabe 4/2019 erschienen.

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