Historisches

Von Übeltätern, Gaunern und Halunken

Berlin-Wedding, Soldiner Kiez, November 2017

Im 18. und 19. Jahrhundert war das heutige Brunnenviertel Ort zwielichtiger Geschäfte. Zum Tode Verurteilte hängte man auf dem Gartenplatz – ein Spektakel, das viele Schaulustige anzog. Die Geschichtswerkstatt „Anno Erzählt“ hat diesen Teil der Kiezgeschichte näher beleuchtet. Der Text aus dem Kiezmagazin (Ausgabe 2/2018) – jetzt auch online.

Mitte des 18. Jahrhunderts ist das Brunnenviertel unter dem Namen Neu-Voigtland bekannt gewesen. Der Grund: Viele Sachsen sind hier als Gärtner angesiedelt worden, um das nördliche Gebiet vor den Toren der Stadt Berlin urbar zu machen. Die Mieten sind billig, Straßenbeleuchtung sucht man vergebens, es gibt auch keine Entwässerungssysteme – sehr anheimelnd war dieses Gebiet zu dieser Zeit nicht. Vor dem Rosenthaler Tor, dem Hamburger Tor und dem Oranienburger Tor, also vor der Stadtmauer, sind Schiebereien, Handgreiflichkeiten und Überfälle an der Tagesordnung. Der Schwarzmarkt floriert, billige Lokale und Vergnügungsetablissements sprießen wie Pilze aus dem Boden, weil man hier günstig Geschäfte machen kann. Denn vor der Stadtmauer, die auch eine Steuermauer ist, erwirbt man die Ware zollfrei. Außerdem entzieht sich das Areal ein Stück weit der städtischen Ordnung, denn es gibt kaum kirchliche oder polizeiliche Kontrollen. Erst um 1800, als aus Neu-Voigtland die Rosenthaler Vorstadt wird, richtet man zum ersten Mal ein Polizeirevier ein, wenn es auch mit nur einem Polizeibeamten besetzt ist.

Die Ausdehnung Berlins führt bereits um 1750 dazu, dass der Galgen zusammen mit dem Hochgericht von der Oranienburger Straße auf den sogenannten Galgenplatz, den heutigen Gartenplatz, wandert. Dort kann man hin und wieder dem Spektakel einer Hinrichtung oder einer körperlichen Bestrafung beiwohnen, was immer massenhaft Zuschauer anzieht. Menschen, Karren und Pferde verstopfen dann die umliegenden Straßen. Man versucht, sich die besten Plätze zu erkaufen, man trinkt, pöbelt und krakeelt angeheitert herum. Freudenmädchen bieten ihre Dienste an.

Die Sittenlosigkeit und der fehlende Respekt für die doch ernste Angelegenheit, führten dazu, dass Hinrichtungen irgendwann nicht mehr öffentlich abgehalten wurden. Die letzte Hinrichtung auf dem Galgenplatz fand im Sommer 1839 statt. Der Galgen wurde, auch wegen des Baus der Stettiner Eisenbahn, rund drei Jahre später abgebaut und an einen blinden Webermeister verkauft, der sich aus dem Material ein kleines Wohnhaus zimmern ließ.

Auch nach der Eingemeindung in die Stadt Berlin 1860 blieb dieses Gebiet ein Ort für Arme und Gelegenheitsarbeiter. Die Kriminalitätsrate war hoch. Schließlich verhalf die deutsche Zweistaatlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg dem Brunnenviertel zu einer exponierten Lage. Noch bevor die innerdeutsche Grenze 1961 gänzlich geschlossen wurde, kamen viele Menschen in die Brunnen- und Badstraße, um sich zu amüsieren und in die Kinos zu gehen. Und der eine oder andere ging in diesem Zwielicht seltsamen Geschäften nach.

Bis in die heutige Zeit gibt es Ecken im Brunnenviertel, die ein kriminelles Potenzial bergen. So möchte man nach Anbruch der Dämmerung auch heutzutage nicht allein im dunklen Humboldthain herumspazieren. Und durch den Umbau des Gesundbrunnens zu einem Fernbahnhof ist dieser wie viele große Bahnhöfe zu einem Anziehungspunkt für Kriminelle geworden. Die U-Bahnlinie 8, die das Brunnenviertel unterquert, ist bekannt als Strecke für harte Drogendeals.

Die Geschichtswerkstatt „Anno Erzählt“ hat die dunkle Vergangenheit des Brunnenviertels unter dem Titel „Von Übeltätern, Gaunern und Halunken“ bei einem Erzählcafé genauer beleuchtet. Bei einer abendlichen Führung konnten Geschichtsinteressierte am 23. Juni 2018 mit dem Projekt, das mit Mitteln aus dem Programm „Soziale Stadt“ gefördert wird, auf Spurensuche gehen.

Text und Foto: Sulamith Sallmann


Mehr Geschichte aus dem Kiez

Die Geschichte der bösen Buben im Brunnenviertel ist nur einer von vielen historischen Aspekten, denen sich das Projekt „Anno Erzählt“ in seinen Geschichtscafés widmet. Beim den nächsten Terminen geht es dann aber wieder um seriösere Angelegenheiten: Dann wird ein Schlaglicht auf die Architektur, die Fluchttunnel, die Arbeitswelt und das Nachtleben im Brunnenviertel geworfen. Auf der Facebook-Seite, der der Projekt-Webseite, werden in Kürze der genaue Termin, der Veranstaltungsort sowie weitere Informationen zur Geschichtswerkstatt „im Brunnenviertel veröffentlicht.

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