Historisches

Mit der Tram über den Vinetaplatz

Vor einhundert Jahren fuhren Straßenbahnen durchs Brunnenviertel. Die Trasse hat Spuren hinterlassen, die aufmerksame Kiezgänger noch heute entdecken können.  Der Text aus dem Kiezmagazin, Ausgabe 2/2018 – jetzt auch online.

Wer die Swinemünder Straße auf Weddinger Seite kennt, mag sich schon mal über die beachtliche Breite dieser größtenteils autobefreiten Flaniermeile gewundert haben. Ist dieses Straßenbild auf die berüchtigte Flächensanierung der 1970er Jahre zurückzuführen, als man hier intakte Wohnblocks abriss, um anschließend neue Gebäude zu errichten? Hat der Zweite Weltkrieg die Gegend nördlich der Bernauer Straße so sehr verwüstet, dass die alte Häuserflucht nicht mehr erkennbar war? Oder ist die Swinemünder Straße etwa immer schon so weiträumig gewesen?

Grünstreifen an der Swinemünder Straße 56:  Die beiden parallel verlaufenden Schienenstränge der Straßenbahn sind hier deutlich zu erkennen. Foto: Alexander Dowe

Grünstreifen an der Swinemünder Straße 56: Die beiden parallel verlaufenden Schienenstränge der Straßenbahn sind hier deutlich zu erkennen. Foto: Alexander Dowe

Der Blick auf eine Postkarte vom Anfang des 20. Jahrhunderts klärt auf: Schon in der Gründerzeit waren der Vinetaplatz und die Swinemünder Straße ungewöhnlich großzügig angelegt worden. Ein Grund dafür war die in beide Richtungen verkehrende Straßenbahn, die die gesamte Swinemünder Straße entlangfuhr.

Wo liegen die Anfänge der Straßenbahn? 1894 wird eine Pferdebahn zwischen Vineta-, Arkona-, Zionskirch- und Rosenthaler Platz eröffnet, die man bereits fünf Jahre später durch einen elektrisch betriebenen Wagen ersetzt. Nach Fertigstellung der Swinemünder Brücke verläuft die Trasse nach Norden bis zur Osloer Straße, doch der viel weitere Weg ist nach Süden zurückzulegen: Ende der 1920er Jahre fährt die Linie 148 von hier bis zur Neuköllner Sonnenallee, die Linie 40 sogar bis nach Dahlem. Für diese etwa 23 Kilometer lange, mehrstündige Fahrt sind 20 Pfennige zu bezahlen. Zum Vergleich: Ein Brot kostet 38 Pfennige.

Damals erlebt die Straßenbahn in der Swinemünder Straße ihre Blütezeit. Zeitgleich gewinnen Busse, Autos und U-Bahnen an Bedeutung und verdrängen allmählich das noch gar nicht so alte Verkehrsmittel. Der BVG-Netzplan von 1936 führt die Linie 148 schon nicht mehr auf, während die 40 vermutlich noch bis ins folgende Jahrzehnt hinein verkehrt. Spätestens 1945, als die Swinemünder Brücke zerstört wird, ist auch diese Trasse unterbrochen.

Nach Kriegsende wird nur noch der nördliche Bereich der Swinemünder Trasse als Teil einer Wendeschleife genutzt: Von der Brunnenstraße kommend biegt die Bahn in die Ramlerstraße ein, um über Swinemünder und Rügener Straße in umgekehrter Richtung zurückzufahren. Die Linien 24, 28, 29 und 36 verkehren hier noch einige Jahre, ehe am 1. Juni 1958 der gesamte Straßenbahnverkehr im Bereich Gesundbrunnen eingestellt und teilweise durch Buslinien ersetzt wird.

In den späten 1970er Jahren wird dann die Swinemünder Straße konsequent zur Fußgängerzone umgestaltet, so dass heute kaum mehr etwas an den einstigen Bahnverkehr im östlichen Brunnenviertel erinnert. Doch wer genauer hinschaut, wird auch heute noch fündig: An der ehemaligen Wendeschleife Ramlerstraße ist nach wie vor der Schienenverlauf im Pflaster erkennbar. Und auf dem Mittelstreifen vor dem Haus in der Swinemünder Straße 56 sind sogar noch Gleisreste der einst vielbefahrenen Straßenbahntrasse zu entdecken.

Text und Foto: Von Alexander Dowe, Grafik: Dominique Hensel

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