Historisches/Streifzüge im Kiez

Samis Reise – Teil 4

Ein Boot geht auf die Reise durch das Viertel. Es legt ab und nimmt den zwölfjährigen Sami mit. Im Kiezmagazin wird von dem Jungen und der jeweils besuchten Station erzählt. Dazu gibt es immer eine Fotoseite, die zusammengefaltet ein kleines Papierboot ergibt. Heute: Der Abschluss der Reihe. 

Samis Handy klingelt: ein Anruf seiner Eltern. Sami freut sich, denn sie haben eine Wohnung gefunden. Aber bald melden sich wieder dunkle Gedanken. Die Flucht vor zwei Jahren war die Entscheidung seiner Eltern. Er hatte keine Wahl. Soll Berlin seine neue Bleibe werden? Die Streifzüge durch das Brunnenviertel haben immerhin dabei geholfen, einen Teil der Stadt ein bisschen besser kennenzulernen.

Sami hört ein Rauschen und plötzlich die vertraute Stimme des Brunnenengels. Der schwingt sich mit ihm in die Lüfte und erklärt: Das grüne Band unter ihnen ist der Mauerpark. Sami lernt, dass hier von 1961 bis 1988 die Berliner Mauer verlief – allerdings nur östlich der Schwedter Straße. Das Gelände westlich nahm von 1877 bis 1985 der Güterbahnhof der Nordbahn ein. Dieses Areal wurde 1988 an die DDR übergeben, die es dem Mauerstreifen zuschlug. „Noch ein Jahr vor dem Mauerfall wurde die Grenze erweitert!“, ruft Sami erstaunt. Sami möchte wissen, wie das Gelände aussah, bevor die Mauer gebaut wurde. Ab 1825 gab es hier einen Exerzierplatz, erzählt der Brunnenengel. Etwa 100 Jahre später, 1912, sind Sportstätten errichtet worden. „Siehst du den Hang am Stadion? Das ist ein Trümmerberg.“ Das Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion dahinter ist 1951 für die Weltfestspiele der Jugend gebaut worden. Ein paar Jahre nach dem Mauerfall, 1994, ist der Mauerpark eingeweiht worden.

Weiter geht der Flug. Unter ihnen taucht ein Spielplatz mit einem großen hölzernen Regenbogen auf. Sami lernt: Den Spielplatz gibt es seit 1999, der Bogen ist 2015 neu aufgestellt worden. Seit mehr als zehn Jahren können Kinder und Jugendliche nebenan auf der Jugendfarm Moritzhof Tiere beobachten und streicheln. Der Kletterfelsen wurde 2005 errichtet. Westlich der Schwedter Straße wird der Mauerpark derzeit erweitert. Die Kräne für den Bau des neuen Wohngebietes drehen sich seit 2016. Sami schwirrt der Kopf, er bittet den Brunnenengel, ihn abzusetzen. „Das kann ich erst, wenn du aufwachst“, sagt der Engel.

„Hör jetzt gut zu, vielleicht habe ich den goldenen Schlüssel für dich gefunden.“ Sami versucht, sich zu konzentrieren. Der Engel spricht weiter: „An der Ziegelmauer des Güterbahnhofs Bernauer Straße las ich eine Botschaft von Käpt’n Raupe. Er verweist auf einen Ableger des legendären Yellow Submarine am Mauerpark.“ Der sei aber nicht leicht zu finden. Er ähnele von seinen Fähigkeiten zwar dem U-Boot der Beatles, sehe aber anders aus. Seltsamerweise habe er zwei Kapitäne:
Lucky und Taxie.

„Was ist mit dem Ableger gemeint?“, fragt Sami. „Es kommt nur die Gleim-Oase infrage“, schlussfolgert der Brunnenengel. „Sie wurde 1985 vor dem Westberliner Gleimtunnel als Skulpturenpark gebaut. Der aber wurde 1993 als Verkehrsinsel in die Ecke der Geschichte gestellt. Erst 2010 machten ihn zwei Bootsleute wieder als Park flott. Dabei lief ihnen wie dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry ein Fuchs über den Weg.“

Sami horcht auf. Der Brunnenengel sagt: „Du weißt, der Fuchs erklärt dem kleinen Prinzen, dass man nur mit dem Herzen gut sieht. Das Wesentliche sei für die Augen unsichtbar.“ „Ja, und weiter?“, bohrt Sami. „Dass man einen Freund nur bekomme, wenn man ihn sich vertraut mache, indem man ihn zähme. Dazu müsse man ihn länger beobachten, ohne zu reden. Die Sprache sei die Quelle der Missverständnisse. Dann müsse man Bräuche entwickeln und Verantwortung für ihn übernehmen.“ „Und?“ Sami wird immer hellhöriger. „Das alles praktizieren die beiden Kapitäne seit sieben Jahren mit der Verkehrsinsel. Die blühte auf. Sie nannten die Gezähmte 2012 Gleim-Oase. Für ihre geduldige Pflege erhob die Oase die beiden in den Rang von Paten.“ „Die sollen Lucky und Taxie sein?“, fragt Sami ungläubig. „Das kannst nur du rauskriegen. Sieh hinunter. Sie sitzen gerade am Rand der Oase.“

Sami erwacht und reibt sich die Augen. Er findet sich auf der Gleimbrücke wieder. Von dort oben fällt sein Blick auf eine grüne Insel mitten auf der Straße. Da muss er hin. Aus dem ehemaligen Grenztunnel ertönt die „Meeresfahrt“ von Lift, glitzert Karats „Jedermann“ und sprudelt die kesse Hommage der Paten von 2015 auf die Oase: „Ein Stückchen Westberlin“. Sami ist am Ende seiner Rundreise ums Brunnenviertel angelangt. Er hat viel gelernt und gesehen, Musik gehört und auch geträumt – von seiner alten Heimat Syrien und seiner neuen in Berlin.

Teil 1 von Samis Reise
Teil 2 von Samis Reise
Teil 3 von Samis Reise

Text: Michael Becker
Fotos: Michael Becker; Dominique Hensel (4 Faltboote)

Faltanleitung für das Boot

  1. Diese Datei auf ein A4-Blatt drucken und hochkant hinlegen
  2. Blatt nach oben mittig falten, Bilder nach innen
  3. Gefaltetes Blatt rechts herum drehen, nochmals nach oben mittig falten, die Faltung wieder öffnen
  4. Blatt nochmals rechts herum drehen, die oberen beiden Ecken zur Mitte einklappen und falten
  5. Unter den beiden Dreiecken befindliche Krempe nach innen und außen umschlagen
  6. Die nun überstehenden Ecken je nach innen (hintere) und außen (vordere) einschlagen
  7. Das gebildete Dreieck von rechts und links zur Mitte zum Quadrat schieben und falten
  8. Die offenen unteren Seiten des Quadrats vorn und hinten nach oben klappen
  9. Das entstandene Dreieck wieder von den Seiten zur Mitte zum Quadrat zusammenschieben
  10. Die beiden offenen Hälften des Quadrates zur Seite hin auseinanderziehen – fertig!

Eine Videoanleitung gibt es hier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s