Menschen im Kiez/Stadtentwicklung

Mit offenem Blick auf den Kiez

Im Brunnenviertel leben besonders viele Menschen, die von Armut betroffen sind. Heike Fahrnländer* trifft sie täglich im Rahmen ihrer Sozialberatungen. Sie kam vor zwölf Jahren in den Kiez und findet, dass über die Probleme offen gesprochen werden sollte.

Die Brunnenstraße der ehemaligen Ostzone – eine gute Bekannte. Ich suchte sie vor der Wende einmal pro Woche während meines Fernstudiums auf. Ich kannte diese Seite der Straße mit all ihren Ecken und Kanten. Die Brunnenstraße in Westberlin kannte ich im Juni 2005 kaum, denn vor meinem neuen Arbeitsort in der Westzone hatte mit der Berliner Mauer jahrelang eine unüberwindbare Barriere im Weg gestanden. So trat ich damals mit mulmigem Gefühl meinen neuen Dienst nahe der westlichen Brunnenstraße an.

Heike Fahrnländer (rechts) mit ihrer Kollegin Jeannette Acksel vom Beratungsladen MachBar.

Das mulmige Gefühl bestätigte sich anfangs. Bereits in der ersten Woche wollte ich nur noch weg. Der Eindruck, den der Kiez bei mir hinterließ, war nicht der beste: Auf dem Vinetaplatz sammelten Feuerwehrleute mit Schutzbekleidung eine tote Krähe ein. Es war Gefahr in Verzug: Vogelgrippe! Dann die Entwarnung: Glück gehabt, es blieb beim Verdacht. Doch für mich war allein die Vorstellung purer Horror. Ein Ereignis jagte das nächste. So übergaben sich Dealer vor dem Bürofenster meines ersten Arbeitsortes nahe dem Vinetaplatz. Die dabei zu Tage beförderten Kügelchen wurden eingesammelt und in der nahegelegenen U8 vertickt … Wo war ich hier nur? Ich wollte weg.

Ich weiß nicht mehr, wie, aber meine Neugier auf die Menschen und deren Lebenswelt siegte über meine Abneigung. Die ersten Schocks waren verdaut und ich begann mich zu erinnern: Ich war schon einmal hier gewesen. Kurz nach dem Mauerfall hatte ich meine aus der DDR geflüchtete Freundin besucht. Sie war in der Notunterkunft in der Brunnenstraße (ehemals Möbel Austel) einquartiert. Der Kiez hatte in den Wendejahren Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen.

Ich begann, genauer hinzusehen, versuchte, die Lebenswelten zu verstehen, und stellte Fragen nach dem Motto „Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm. Tausend tolle Sachen, die gibt es überall zu seh’n. Manchmal muss man fragen, um sie zu versteh’n!“ Mit diesem Refrain aus dem Sesamstraßenlied beginne ich meist Seminare, die ich halte. Auch für mein Ankommen im Quartier machte ich ihn mir selbst zum Leitfaden.

Die Menschen, die mir in meinem Beratungsalltag begegnen, helfen mir dabei, die Vielfalt des Brunnenviertels zu verstehen. Meine Fragerei wird nicht als lästig empfunden, die Befragten reagieren sehr offen und herzlich. Gehe ich heute durch das Quartier, werde ich erkannt, Kinder rufen mich beim Namen und meine anfängliche Abneigung gegen das Brunnenviertel ist schon sehr lange verschwunden. Kurz: Ich bin angekommen und fühle mich wohl.

In den Räumen hinter der auffälligen grünen Fassade gibt es viele Beratungsangebote.

Aber ist wirklich alles Friede, Freude, Eierkuchen? Leider nicht. Ich spüre bei meiner Arbeit und beim Gang durch das Quartier, dass der gesellschaftliche Wandel auch im Brunnenviertel Einzug hält. Medien und auch Politiker berichten über ansteigenden Wohlstand sowie sinkende Arbeitslosenzahlen. Aber die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Woran ich das messe? Laut aktuellen Studien leben in Deutschland über 2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut. Dies entspricht etwa 19,4 Prozent aller Personen unter 18 Jahren. Im Brunnenviertel leben 66,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Haushalten, die das sogenannte Hartz IV beziehen. Mehr als die Hälfte der Menschen im Quartier (55,4 Prozent!) beziehen Sozialleistungen. An den Grundschulen und der Sekundarschule des Brunnenviertels haben fast 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine Lernmittelbefreiung. Das Pro-Kopf-Einkommen der Haushalte liegt bei durchschnittlich 900 Euro. Als arm gilt, wer als Single nicht mehr als 900 Euro netto im Monat verdient.

Diese Zahlen und Fakten stimmen mich nachdenklich. Zunehmend beobachte ich voller Trauer und Wut die Menschen, die beispielsweise in Abfalleimern nach Pfandflaschen suchen. Erschreckenderweise sind es nicht mehr nur die gesellschaftlich Gestrandeten. Von Armut Betroffene verbergen sich, sie zeigen ihre Armut nicht zur Schau.

Häufig begegnen wir der Armut im Alltag. Nehmen wir sie aber auch bewusst wahr? Die Betroffenen macht diese Armut krank, schließt sie aus und verletzt sie in ihrer Würde. Meine Aufgabe im Brunnenviertel ist es, diesen Dingen mit offenen Augen zu begegnen. Das wiederum schärft meinen Blick für Probleme. Wir alle sollten diese Missstände thematisieren, sie öffentlich machen – auch, um die Scheuklappen der Verantwortlichen zu lüften. Das wünsche ich mir.

*Heike Fahrnländer leitet den Beratungsladen MachBar in der Putbusser Straße. Sie bietet dort unter anderem Sozialberatung an und kennt die Probleme der Menschen im Kiez gut. Sie arbeitet seit 2005 im Brunnenviertel.

Fotos: Dominique Hensel

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