Allgemein/Historisches/Streifzüge im Kiez

Samis Reise – Teil 3

Ein Boot geht auf die Reise durch das Viertel. Es legt ab und nimmt den zwölfjährigen Sami mit. Im Kiezmagazin wird von dem Jungen und der jeweils besuchten Station erzählt. Dazu gibt es immer eine Fotoseite, die zusammengefaltet ein kleines Papierboot ergibt. Heute: Teil 3 von 4.

„Birds never die“ – Vögel sterben nicht. Das hat jemand auf die Flügel des Brunnenengels an den Mauerteilen in der Gedenkstätte Bernauer Straße gesprayt. Die Natur hat während des Sommers gewirkt und seine Flügel mit grünen Zweigen verlängert. Er wird sie bald brauchen.

Sami ist innerlich zerrissen. Die unterschiedlichen Meldungen aus seiner Heimat Syrien, wo Krieg herrscht, machen ihn betroffen. Beim G20-Gipfel in Hamburg im Juli war zwar eine Waffenruhe vereinbart worden. Nur einen Monat später kündigte die für Syrien zuständige UN-Ermittlerin Carla del Ponte ihren Rücktritt an. „Ich gebe auf“, sagte sie. Seit Beginn ihrer Arbeit 2012 komme sie über das Auflisten von Kriegsverbrechen nicht hinaus.

Sami ist in Gedanken immer wieder in Syrien. In der Schule kann er sich schlecht konzentrieren. Er muss an das Dorf bei Damaskus denken, in dem sein Opa lebt. Der ist dort seit Samis Flucht 2015 allein. Sami hatte sich früher manchmal über seine altmodischen Ansichten geärgert. Aber es war auch stets eine Geborgenheit von ihm ausgegangen, die Sami jetzt vermisst. Sami sieht eine Parallele zum kleinen Prinzen in der Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry. Der hatte sich an Worten der Rose auf seinem Planeten gestört. Nach seiner Abreise hatte er dann aber Sehnsucht nach ihrem Duft – so wie Sami jetzt seinen Opa vermisst. Wen hatte die Rose jetzt, wer gießt sie? Und wer unterstützt jetzt Samis Opa in den Kriegswirren um Damaskus?

Sami wollte wieder hinüber zum Nordbahnhof. Dort hatten Ausgrabungen stattgefunden, in Vorbereitung von Bauvorhaben. Interessante Fundstücke waren dabei von Archäologen gesichert worden. Auch Fundamente eines Wachturmes aus Mauerzeiten kamen zum Vorschein. Sie wiesen ein Loch im Beton für ein Abflussrohr auf.  Siehe da! Der Wachturm war mit einer Toilette ausgerüstet. Sami staunt über dieses Detail aus der Vergangenheit.

Samis dritter Halt oder: Der Brunnenengel hebt ab

Ein Boot geht auf die Reise … Mit ihm kommt der Flüchtlingsjunge Sami in den Volkspark Humboldthain. Auf einem Rundflug erfährt er auch von der bewegten Geschichte dieses Ortes.

Sami ist nach seinem Halt am Nordbahnhof eingenickt. Er fliegt im Traum. Wie ferngesteuert landet er im Humboldthain. Auf der Aussichtsplattform des Bunkers steht neben ihm der Brunnenengel und weist mit seinem Flügel auf die Gleise unten. Als der Engel in Samis Alter war, sei er mit der S-Bahn hier am Bunker vorbeigefahren. Der Zweite Weltkrieg lag damals 15 Jahre zurück, Ruinen waren vertraute Spielplätze. Aber der in den Himmel ragende Trümmerberg mit den zerschossenen Türmen habe alles übertroffen. Er brannte sich ihm als Bild ein.

Das Bild in seinem Kopf habe er während der Mauerzeit 1961 bis 1989 bewahrt. Erst 1990 fand er die Kulisse in der Wirklichkeit wieder – verwandelt in einen grün bewachsenen Berg mit zwei Aussichtstürmen. Auf einem der beiden entdeckte er eine verschlungene Skulptur, heute ein Denkmal für die Wiedervereinigung Deutschlands. 1967 von Arnold Schatz gefertigt, stand sie bereits seit 1987 an dieser Stelle. Diese visionäre Kraft hat den Brunnenengel beeindruckt. Sami gefällt das auch.

Der Brunnenengel lädt ihn auf einen Rundflug über den Humboldthain ein. Den hat, so erfährt er, Gustav Meyer 1869 angelegt. Namensgeber Alexander von Humboldt ist ein Naturforscher gewesen. Der Rundflug geht auch über den Rosengarten. Hier stand früher die Himmelfahrtskirche, 1893 nach Plänen von August Orth erbaut. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und die Ruine 1950 schließlich gesprengt. Fundamentreste hat der Verein Berliner Unterwelten 2015 freigelegt und wieder sichtbar gemacht. Eine neue Kirche im Humboldthain errichtete Otto Bartning 1956 an der Gustav-Meyer-Allee. Den Neubau des Humboldthain nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Gartendirektor Rieck. Von oben sind die Bereiche des Volksparks gut zu sehen, findet Sami: Sommerbad, Spielplätze und Wiesen laden zu Sport und Erholung ein.

Der Hochbunker mit vier Flaktürmen wurde 1941/42 während des Zweiten Weltkrieges gebaut. 1948 erfolgte seine Teil-Sprengung. Die Front zu den Bahngleisen hin schüttete man mit Trümmern an. Dort sind heute die Aussichtstürme. Der kleine Bunkerberg auf der anderen Parkseite ist ebenfalls zu sehen. Er ist im Winter eine beliebte Rodelbahn.

Sami sieht sich alles an und ist im Traum hellwach. Von der Schönhauser Allee wehen scheinbar Gitarrenklänge herüber. Sillys „Mont Klamott“ mischt sich mit der Suche nach Glück der Gruppe Pankow im Song „Stille“. Dazu Gerhard Schönes Ruf nach Veränderungen in „Es ist Zeit“. Sami wacht auf.

Teil 1 von Samis Reise
Teil 2 von Samis Reise

Text und Fotos: Michael Becker

Faltanleitung für das Boot

  1. Diese Datei auf ein A4-Blatt drucken und hochkant hinlegen
  2. Blatt nach oben mittig falten, Bilder nach innen
  3. Gefaltetes Blatt rechts herum drehen, nochmals nach oben mittig falten, die Faltung wieder öffnen
  4. Blatt nochmals rechts herum drehen, die oberen beiden Ecken zur Mitte einklappen und falten
  5. Unter den beiden Dreiecken befindliche Krempe nach innen und außen umschlagen
  6. Die nun überstehenden Ecken je nach innen (hintere) und außen (vordere) einschlagen
  7. Das gebildete Dreieck von rechts und links zur Mitte zum Quadrat schieben und falten
  8. Die offenen unteren Seiten des Quadrats vorn und hinten nach oben klappen
  9. Das entstandene Dreieck wieder von den Seiten zur Mitte zum Quadrat zusammenschieben
  10. Die beiden offenen Hälften des Quadrates zur Seite hin auseinanderziehen – fertig!

Eine Videoanleitung gibt es hier.

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