Historisches/Stadtentwicklung

Eine Liebeserklärung an den Stahl

Seit 131 Jahren überspannen die Liesenbrücken den einzigen Kreisverkehr im Brunnenviertel. Welche Zukunft steht diesem interessanten Bauwerk bevor? 

An der Grenze zwischen Wedding und Mitte über dem Kreisel, der die Schering-, Garten- und Liesenstraße verknüpft, befindet sich ein Wunderwerk der Ingenieurskunst. Es ist ein filigran konstruierter Schokoriegel, ein Meisterwerk des Brückenbaus, ein ungeliebter Kostenpunkt, ein Berliner Baudenkmal, die Schwindsuchtbrücke, ein beliebtes Fotomotiv oder auch verzauberter Ort der Lost-Places-Community – derartige Beschreibungen gibt es eine Menge für die altehrwürdigen Liesenbrücken.

Angefangen hat alles zwischen 1890 und 1896, als die vom Stettiner Bahnhof führenden Gleise über den bereits bestehenden Kreisel gelegt wurden und die Brücken von da an den Schienenverkehr oberhalb der Straße übernahmen. Der Stettiner Bahnhof befand sich damals dort, wo heute der Park am Nordbahnhof ist. Der Verkehr unter den Brücken rollte nun emsig. Berlin boomte. Es war das wilhelminische Berlin im industriellen Aufschwung mit neuen Bahnhöfen, die die Großstädter raus aus der Stadt brachten. Und so rollte über die Liesenbrücken Zug um Zug.

Funktional mussten sie also sein, den Belastungen des Schienenverkehrs standhalten. Augenscheinlich ist aber die Schönheit der Ingenieursarbeit. Zu sehen sind nicht einfach nur gut haltende aufeinander gehämmerte Stahlträger, sondern eine wunderschöne Symmetrie. Die haushohen Fachwerkträger bezeugen bis heute die weit entwickelte Ingenieurskunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Bauherr war die Königliche Eisenbahndirektion, die hier protzig und stolz ihre Leistungsfähigkeit präsentierte.

Bis heute nimmt das vom Rost dunkelbraun gefärbte Stahlgerüst den freien Raum über dem Straßenschnitt ein und könnte den Park am Nordbahnhof mit dem Volkspark Humboldthain verbinden.

Könnte! Denn die Liesenbrücken überspannen zwar den Kreisverkehr, sind aber seit ewigen Zeiten nicht zugänglich. Auf der westlichen, 1956/57 erneuerten, modernen Parallelbrücke fährt die S-Bahn zwischen Nordbahnhof und Humboldthain. Die Fernbahnstrecke auf dem Baudenkmal dagegen wurde bereits 1952 stillgelegt. Mit dem Mauerbau mitten durch Berlin schwebten die Liesenbrücken quasi über der Grenze. Möglicherweise hat sie das vor dem Abriss gerettet.

Seit 1991 stehen die Liesenbrücken unter Denkmalschutz. Die Bahn, Eigentümerin des Schmuckstücks, möchte die Brücken seit Langem verkaufen. Sie kosten auch stillgelegt Geld und bringen nichts ein. Wie Gisbert Gahler, vom Regionalbüro Kommunikation Berlin, in einer E-Mail vom 10. August bestätigt, wurden die Brücken bisher jedoch nicht verkauft. Das gibt Hoffnung für ein Projekt des Netzwerkes „Grünzüge für Berlin“. Der Zusammenschluss von Bürgern, Stadtteilvereinen und anderen Initiativen, der 2010 gegründet wurde, möchte der Bebauung und Vermarktung großer Freiflächen sowie stillgelegten Bahnflächen etwas Grünes entgegenzusetzen.

So sollen zum Beispiel vorhandene Parks und Grünflächen durch Gründurchgänge miteinander verbunden werden. An den Liesenbrücken, parallel zu den S-Bahn-Gleisen, wo sich auf dem alten Schienenstrang Gräser und Kräuter bereits ihr Revier zurückerobert haben, liegt ein solcher Grünzug eigentlich fast schon bereit. Die Idee ist, die Liesenbrücken Fußgängern und Radfahrern zugänglich zu machen. Kein leichtes Unterfangen, aber in einem Berlin, das immer dichter bebaut wird, ist jede grüne Oase richtig und wichtig. Das sind Orte für Kleintiere, Insekten, Vögel und naturhungrige Zweibeiner. Hoffentlich gelingt es, mit diesem monumentalen Schokoriegel Brücken zu schlagen: zwischen damals und heute, zwischen Stahl und Grün.

Text: Anke Kuhnecke
Foto: Dominique Hensel

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