Stadtentwicklung

Ist bald Betriebsschluss im Kiez?

Während Förderprogramme die soziale Mischung im Brunnenviertel erhalten sollen, werden alteingesessene Betriebe aus der Innenstadt verdrängt, zum Beispiel aus der Wattstraße.

Wattstraße, Ecke Usedomer Straße: Seit einiger Zeit wird hier groß gebaut. Neben einem Verwaltungsgebäude der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) entstehen im Auftrag des landeseigenen Wohnungsbauunternehmens Degewo 128 Wohnungen, von denen 26 Prozent im Rahmen der Wohnungsneubauförderung kofinanziert werden. Hauptziele dieses Programms sind der Erhalt und die Förderung der sozialen Mischung in der Innenstadt, damit auch künftig Haushalte mit geringerem Einkommen dort wohnen können. Dies ist auch Ziel der seit 2005 im Kiez tätigen Quartiersmanagements, die durch die Europäische Union, den Bund und das Land Berlin gefördert werden.

Eine andere Entwicklungstendenz zeichnet sich schräg gegenüber im GSG-Gewerbehof Wattstraße ab. Das Gelände und einige Gebäude des Hofes haben Stadt- beziehungsweise Kiezgeschichte geschrieben: Mitte des 19. Jahrhunderts Sitz des von Bethel Henry Strousberg gegründeten Schlacht- und Viehhofes, ließ hier nach dem Zweiten Weltkrieg die Hermann Meyer AG Verwaltungsgebäude für ihre Firma errichten. In einem Teil dieser Gebäude, in der Wattstraße 11–12, hatte die Tageszeitung taz von 1979 bis 1989 ihre ersten Redaktionsräume. Einige der Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz. Und dann gibt es noch die kleine Fabrikhalle in der Voltastraße 29–30: das ehemalige Umformerwerk Volta II, 1925 nach Plänen von Adolf Meyer-Luyken für das städtische Versorgungsunternehmen BEWAG gebaut.

Bereits um 1990 wurden Fördermittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung für die Sanierung und damit Standorterhaltung des Gewerbehofes eingesetzt, der sich damals im Besitz der Landeseigenen Gewerbesiedlungsgesellschaft (GSG) befand. Seitdem hat sich dort eine bunte Mischung von kleinen und mittelständischen Büros, Dienstleistungs- und Handwerksbetrieben angesiedelt. Zwischen ihnen und der auf dem ehemaligen AEG-Gelände befindlichen Technischen Universität Berlin gibt es Kooperationen,  es wird Wissen transferiert. Einige der Büros und Firmen betreuen Studenten bei Abschlussarbeiten, bieten Praktikumsplätze, bilden aus. Der Hof ist in den Kiez integriert, die Mieter identifizieren sich mit ihm und seinem Umfeld, ganz im Sinne sowohl der Stadtteilförderung im Brunnenviertel als auch des 2012 von alteingesessenen Firmen gegründeten Vereins Technologiepark Humboldthain e.V. (TPH).

Nach Privatisierung der GSG 2007 und einem weiteren Verkauf an einen tschechischen Immobilieninvestor 2015 scheinen sich gravierende Veränderungen im Gewerbehof Wattstraße anzubahnen. So wurde in den vergangenen Monaten mehreren, teilweise alteingesessenen Mietern gekündigt beziehungsweise die Miete von weniger als sechs Euro netto kalt pro Quadratmeter auf zwölf Euro erhöht. Weiter wurde eine umfassende Neugestaltung und Verdichtung des Areals angekündigt. In diesem Zusammenhang ist ein Neubau in der Voltastraße 29–30 geplant. Auch zeichnet sich eine inhaltliche Neuorientierung ab: hin zur äußerst profitablen Bereitstellung von komplett eingerichteten Büroräumen für Start-ups. – Start-ups, die kommen und gehen, aber mit dem Kiezgedanken wenig zu tun haben.

Sicherlich sind Mieten von unter sechs Euro netto kalt für eine solche Lage nicht mehr zeitgemäß, manche Flächen nicht optimal genutzt worden und möglicherweise auch nicht alle Nutzungsarten für den Standort geeignet.  Vor diesem Hintergrund bedarf es jedoch einer Vision für die Entwicklung des Standortes, die den Gedanken an einen zusammenhängenden Kiez nicht aufgibt oder vernachlässigt und den Förderzielen an anderer Stelle im Kiez nicht entgegensteht.

Auch der rbb berichtet online über das Thema. Den Artikel lesen Sie hier.

Text und Foto: Beate Heyne. Unsere Autorin betreibt seit elf Jahren ein Architekturbüro in der Wattstraße.

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