Historisches/Streifzüge im Kiez

Samis Reise – Teil 2

Ein Boot geht auf die Reise durch das Viertel. Es legt ab und nimmt den zwölfjährigen Sami mit. Im Kiezmagazin wird von dem Jungen und der jeweils besuchten Station erzählt. Dazu gibt es immer eine Fotoseite, die zusammengefaltet ein kleines Papierboot ergibt. Heute: Teil 2 von 4.

Sami lehnt am Mauersegment mit dem Bild des Brunnenengels in Höhe Lazarus-Haus. Er hadert mit sich. Der junge Geflüchtete fühlt sich manchmal fremd und denkt, dass er seine Eltern damit enttäuschen könnte. Abwesend schaut er Richtung Nordbahnhof. Wo ist der grüne Wildwuchs hinter der Mauer am S-Bahnhof-Eingang geblieben? Er beschließt, nachzusehen. Die Betriebsamkeit an den drei S-Bahn-Zugängen wirkt auf ihn, als wollten sie die jahrzehntelange Einsamkeit während der Teilung abschütteln.

Manchmal sieht er die Eingänge als Enkel des früheren Geisterbahnhofs Nordbahnhof. Geisterbahnhof nannte man zu Zeiten der Mauer die Stationen in Ostberlin, die von der Westberliner S-Bahn ohne Halt passiert wurden. Zwischen 1961 und 1989 waren die drei verschlossenen Eingänge, so sinniert Sami, wie unglückliche Kinder des Bahnhofs, zu 28 Jahren Nichtstun verurteilt. Seit 1990 sind es nun die Enkel, die umso lebhafter mit ihren Schwingtüren klappen … Das kleine Bahngebäude auf dem Hügel hat es Sami besonders angetan. Es wirkt mit seinem Ecktürmchen wie eine schottisches Schloss in Klein. Malerisch und mit ein wenig Stolz thront es über den Fahrgästen. Den Eingang Gartenstraße findet Sami geheimnisvoll. Er wirkt auf ihn verloren und wie ein Überbleibsel aus Mauerzeiten. Jeweils ein Bullauge flankiert die Türen. Es könnte auch ein gestrandetes Schiffswrackteil sein. Oder ist es das abgestürzte Flugzeug in Saint-Exuperys Geschichte? Dann wäre er der kleine Prinz. Zwar nicht vom Asteroiden B 612, aber immerhin aus Damaskus. Der freigeschnittene Bereich hinterm Eingang sieht trostlos aus. Alte Bordsteine liegen verstreut, Fundamentreste ragen hervor, Sperrmüll wird sichtbar. Die Rückseite des Tores zieren Graffitis. Dort steht DIRTY KÄPTN RAUPE. Das findet Sami gut. Vielleicht ist das ein Hinweis, dass er sich noch entpuppen wird?

Im Haupteingang des Nordbahnhofs an der Invalidenstraße entdeckt Sami historische Bilder. Sie zeigen, dass sich auf dem Vorplatz ein Fernbahnhof befunden hatte. Auf einem anderen Foto entdeckt er Züge auf dem Gelände des heutigen Parks am Nordbahnhof. Da muss er hin.

Samis zweiter Halt oder: Der Brunnenengel taucht ab

Dem Brunnenengel war Samis Blues nicht entgangen. Jetzt sieht er ihn mit Heften aus dem Gedenkzentrum Ecke Bernauer/Gartenstraße kommen und die breite Treppe in den Park nehmen. Sami stromert zwischen Gartenstraße und Hinterlandmauer zur Liegewiese, wo er zu blättern beginnt.

Er erfährt viel aus den Heften: Auf dem Gelände des heutigen Parks am Nordbahnhof befanden sich seit 1840 die Gleisanlagen des Stettiner Bahnhofes. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde sein Betrieb 1952 eingestellt. 1962 erfolgte der Abriss. Seit dem Mauerbau 1961 verlief zwischen Gartenstraße und Hinterlandmauer der Grenzstreifen. Nach dem Mauerfall 1989 kam es hier zu Wildwuchs, der für die Parkgestaltung 2004 beibehalten wurde. Teile der Gleisanlagen sind in die Wegeführung integriert.

Vier Randerscheinungen seiner über 100-jährigen Bahngeschichte haben den Park geprägt:

1. Das Empfangsgebäude der Stettiner Vorortbahn an der heutigen Julie-Wolfthorn-Straße wurde 1896 gebaut. Es diente dem S-Bahn-Verkehr nach Pankow und Bernau. 1936 verlor es durch den Bau des Nordbahnhofs seine Funktion. Heute ist dort ein Restaurant.

2. Das Stellwerk NoA am Ende der Schwartzkopffstraße wurde 1932 für die Erweiterung der Nord-Süd-Bahn gebaut. 2012 wurde es in einen Neubau integriert und als Veranstaltungsort neu eröffnet.

3. Der Stettiner Tunnel unterquert das Bahngelände von der Schwartzkopffstraße bis zum Portal Gartenstraße in Höhe der St. Sebastian-Kirche. 1896 angelegt, war er der längste Fußgängertunnel Berlins. Seit 1952 ist er geschlossen. Lediglich 2007 wurde er für eine Begehung kurz geöffnet.

4. Die Liesenbrücken zum Humboldthain wurden von 1890 bis 1896 für die Eisenbahn errichtet. Sie wurden 1952 stillgelegt. Heute sind eine Fußgängernutzung und ein Hotelbau im Gespräch.

Sami hat es besonders das Bild seines Lieblingsgebäudes vom Nordbahnhof angetan. Völlig eingemauert erinnert es ihn an ein U-Boot. Seine Gedanken schweifen zu seinem Vater. Der legte manchmal „Yellow Submarine“ der Beatles ein. Das U-Boot in dem Lied sollte Pepperland retten, dessen bunte Welt Blue Meanies mit ihrem Blau überzogen hatten. Einem unterwegs an Bord genommenen Nowhere Man gelang die Annäherung der Kontrahenten. Samis Vater sagte, diese musikalische Meeresfahrt habe die Zeiten des kalten Krieges erwärmt. Aus dem Stettiner Tunnel dringen scheinbar Klangfetzen an Samis Ohr: Yellow Submarine, Sea of Monsters, March of Meanies, Pepperland. Sami ist wieder leichter ums Herz.

Zum ersten Teil von Samis Reise bitte hier entlang.

Text und Fotos: Michael Becker

Faltanleitung für das Boot

  1. Diese Datei auf ein A4-Blatt drucken und hochkant hinlegen
  2. Blatt nach oben mittig falten, Bilder nach innen
  3. Gefaltetes Blatt rechts herum drehen, nochmals nach oben mittig falten, die Faltung wieder öffnen
  4. Blatt nochmals rechts herum drehen, die oberen beiden Ecken zur Mitte einklappen und falten
  5. Unter den beiden Dreiecken befindliche Krempe nach innen und außen umschlagen
  6. Die nun überstehenden Ecken je nach innen (hintere) und außen (vordere) einschlagen
  7. Das gebildete Dreieck von rechts und links zur Mitte zum Quadrat schieben und falten
  8. Die offenen unteren Seiten des Quadrats vorn und hinten nach oben klappen
  9. Das entstandene Dreieck wieder von den Seiten zur Mitte zum Quadrat zusammenschieben
  10. Die beiden offenen Hälften des Quadrates zur Seite hin auseinanderziehen – fertig!

Eine Videoanleitung gibt es hier.

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