Historisches/Streifzüge im Kiez

Samis Reise – Teil 1

Ein Boot geht auf die Reise durch das Viertel. Es legt ab und nimmt den zwölfjährigen Sami mit. In unserer neuen vierteiligen Serie erzählen wir von dem Jungen und den Stationen, die er im Kiez besucht. Dazu gibt es immer eine Seite mit Fotos, die zusammengefaltet ein kleines Papierboot ergibt. Heute: Teil 1 von 4.

Sami ist zwölf Jahre alt und ein Flüchtlingskind aus Damaskus. Seine Eltern sind mit ihm Ende 2015 vor dem Krieg geflohen. Sie haben nach Erstunterbringung in einer Turnhalle vor einem halben Jahr Aufnahme bei einer Gastfamilie im Brunnenviertel gefunden. Sie hoffen für 2017 auf eine Wohnung.

Sami fällt das Deutschlernen in der Schule schwer: Er hat Konzentrationsprobleme. Als Entspannung von der Schule nimmt er seinen Rückweg oft über den ehemaligen Postenweg innerhalb der Grenzanlagen der Bernauer Straße. Ein magischer Ort. Er weiß, hier verlief einstmals der Eiserne Vorhang. Im östlichen deutschen Staat gab es nach dem Fall der  Mauer erstmals freie Wahlen, dann die Einheit der ehemaligen Gegner. Russen und Amerikaner hatten sie gewährt. Wenn es doch in Syrien auch so gehen könnte …

Gern hockt er zu Füßen des Paradiesvogels, der in den Mauerteilen neben dem Postenweg haust. Manchmal scheinen seine Mauerflügel zu knarren, wenn Sami nach Mädels schaut.

Er beobachtete im letzten Jahr neben der Kapelle der Versöhnung Sonderbares. Im Juli wurde dort richtig Getreide gemäht. Es sah dabei ländlich aus wie im Dorf seines Opas bei Damaskus. Im November dann sah er viele Leute, die hinter der Kapelle ein vom Grenzstreifen übrig gebliebenes Landstück mit Wegen und Beeten versahen. Aus alten Ziegelsteinen legten sie eine großen Sonne. Steckten Papierschildchen mit Namen der Umgebung wie Arkonaplatz, Mauerpark und Nordbahnhof hinein. Zum Schluss wurde ein Apfelbaum als Vorankündigung für das Jubiläum „500 Jahre Reformation“, das in diesem Jahr stattfindet, gepflanzt.

Im Oktober hörte Sami in der Kapelle Musik. Sie hieß: „Ich schweige nicht.“ Es ging um Brückensuche, Flügelsuche, neues Leben. Den Satz einer Frau fand er gut: „Schaltet Euch irgendwann in die Welt, die euch einmal existierte, ein und erlebt damit eine zweite Geburt …“

Samis erster Halt oder: Woher der Brunnenengel seine Flügel hat.

Der Brunnenengel versteht sich als guter Geist des Brunnenviertels – seit er sich 1989 an der Berliner Mauer in Höhe des Lazarus-Hauses niederließ und den Neuankömmlingen aus Ostberlin zuwinkte.

Schnell erkannte er dabei die vier Brunnenränder: die Gartenstraße vom Nordbahnhof bis zu den Liesenbrücken, der Flakbunker im Humboldthain und die Bahnlinie bis zum dritten Rand, der Schwedter Straße von der Kopenhagener Straße zur Bernauer Straße sowie die Bernauer Straße selbst. Seit 1961 war die Straße durch den Mauerbau für 28 Jahre zum Todesstreifen geworden. Sogar die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße wurde 1985 einem freien Schussfeld geopfert: Sie wurde gesprengt. Nicht immer gab es diese vier Brunnenränder. Sie sind so erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 entstanden.

Doch die Zeit ging weiter. In den 1990ern fand sich die durch die Mauer abgeschnittene Schwedter Straße im lebensfrohen Mauerpark wieder. Am 9. November 2000 wurde die in Lehmstampfbauweise errichtete Kapelle der Versöhnung auf dem Fundament der alten Versöhnungskirche eröffnet. Die Bernauer Straße wurde bis 2014 zur Gedenkstätte Berliner Mauer ausgebaut. Der Nordbahnhofpark, ebenfalls noch jung, vereint heute in sich Grenzakzente, Bahngeschichte und Sportstätten.

Auch der Brunnenengel veränderte sich durch die Ende der 1990er-Jahre erfolgte Demontage seiner Mauersegmente. Er fand sich plötzlich am Postenweg in der Mauergedenkstätte aufgestellt wieder. Seitdem wacht er über die Menschen dort – wie auch Sami. Ihre im Brunnen(-viertel) treibenden Sorgen sind für den guten Geist sichtbar. Man stelle sich vor, er faltet sie zu Rettungsbooten und lässt sie Kraft laden, bis sie signalisieren: Land in Sicht! Dann kann er dem Kapitän sein Rettungsboot sinnbildlich wieder zuspielen, sodass der seine Sorgen wie ein Schiffsladung löschen kann.

Die Federn für seine Flügel waren dem Brunnenengel in der DDR gewachsen. Vogelflug als Sinnbild für Freiheit hatten in den 1970er-Jahren auch Rockgruppen aufgegriffen. Sie flogen durchs Fenster in die Welt (City), kannten wie der Albatros keine Grenzen (Karat), sehnten sich mit dem Ikarus in die Welt (Puhdys). Die Gruppe Renft befürchtete schon 1975 zu Recht: „Als ich wie ein Vogel war, der am Himmel sang, riefen alle Leute nur Sonnenuntergang.“

Text und Fotos: Michael Becker

Faltanleitung für das Boot

  1. Diese Datei auf ein A4-Blatt drucken und hochkant hinlegen
  2. Blatt nach oben mittig falten, Bilder nach innen
  3. Gefaltetes Blatt rechts herum drehen, nochmals nach oben mittig falten, die Faltung wieder öffnen
  4. Blatt nochmals rechts herum drehen, die oberen beiden Ecken zur Mitte einklappen und falten
  5. Unter den beiden Dreiecken befindliche Krempe nach innen und außen umschlagen
  6. Die nun überstehenden Ecken je nach innen (hintere) und außen (vordere) einschlagen
  7. Das gebildete Dreieck von rechts und links zur Mitte zum Quadrat schieben und falten
  8. Die offenen unteren Seiten des Quadrats vorn und hinten nach oben klappen
  9. Das entstandene Dreieck wieder von den Seiten zur Mitte zum Quadrat zusammenschieben
  10. Die beiden offenen Hälften des Quadrates zur Seite hin auseinanderziehen – fertig!

Eine Videoanleitung gibt es hier.

Ein Kommentar zu “Samis Reise – Teil 1

  1. Pingback: Samis Reise – Teil 2 | brunnen

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