Streifzüge im Kiez

Auf Humboldts Wegen

Im Gleimtunnel teeren sie, die Dampf- und Qualmschwaden hängen zwischen den gusseisernen Pfeilern. Sauerstoff ist Mangelware, einige Passanten atmen hinter Tüchern oder Schals. Nur den orange gekleideten Arbeitern scheint dieses Unterweltszenario nichts auszumachen. „Bei dem Bäcker da hinten kost der Kaffee nur 80 Cent“, schreit der Fahrer der Teermaschine einem Kollegen zu. Gut zu wissen.

Der Winter ist vorbei. Im Humboldthain zwitschern die Vögel, als hätten sie Drogen genommen. Die Stämme der Buchen und Platanen sind vom Regen blank gewaschen. Jogger und Hundebesitzer begegnen sich, ohne voneinander Kenntnis zu nehmen. Hier bin ich schon oft spaziert. Da vorne kommt der uralte Chinese gewackelt, ohne seine Frau, die ihn meist begleitete. Ich grüße ihn. Rechts taucht die Italienerin mit ihren vier Hunden auf. Ein weißer Collie, ein Dackel, ein ungezogener Mops und noch ein Schoßhündchen. Sie hat ihre Familie nicht immer im Griff, dann schleudert sie Schimpfworte heraus: „Mafanculo“, „Cazzo“ oder „Pezzo di merda“. Wenn sie mich sieht, lobt sie ihre Bande plötzlich: „Brava, bravissima!“

Ein Jogger dehnt sich am Eingang zum Rosengarten.

Auf der Höhe vom Schwimmbad macht der dünne Russe seine tänzerischen Yogaübungen. Normalerweise hat er nur eine Trainingshose an und springt barfuß über die Wiese. Einmal hat er telefoniert, während er den Hampelmann gemacht hat – da habe ich seine laute und bassige russische Stimme gehört.

Eichhörnchen kreuzen den Weg, zwei Amseln nehmen ein Morgenbad in der großen Pfütze, die nur im Hochsommer ausgetrocknet ist. „Hallo, Kleiber, schön, dass du auch schon wach bist“, rufe ich dem blaurückigen Kopfrunter-Kletterer zu.

Der rüstige Rentner im Outdoor-Gewand redet auf eine etwas jüngere Lady mit Hund ein. Ist das schon ein Techtelmechtel? „… sicher, das bringen diese Zeiten mit sich“, höre ich sie sagen.

In der Wiesenstraße hat uns der Verkehr wieder. Ich überlege, ob ich den Weg blind gehen könnte, und versuche es. Da tippt mir jemand auf die Schulter: „Hast du Feuer, Mann?“ Zwei Jungs in schwarzen Sportklamotten schauen mich an; der eine wippt rhythmisch aus der Hüfte raus. Der andere nimmt mein Feuerzeug und brennt den langen Stängel von unten an, wartet kurz, um dann die Glut wegzublasen. „Danke, Alder.“ Er nimmt einen Zug. „Bitte, immer.“ Sie gehen weiter, dann rufe ich hinterher: „Kann ich auch mal?“

 

Text: Lothar Gröschel
Foto: Dominique Hensel

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