Streifzüge im Kiez/Veranstaltungstipps

Kiezführung: Zurück in die Stadt von morgen

Am Samstag, den 24. September, laden die Stadtführer von „Nächste Ausfahrt Wedding“ wieder auf eine Zeitreise durch das Brunnenviertel vor der Sanierung in den 1960er-Jahren ein. Stefanie Ostertag hat die Tour im vergangenen Jahr begleitet:

Lothar Gröschel (rechts) hält historische Aufnahmen hoch und zeigt, wie das Viertel vor der Kahlschlagsanierung ausgesehen hat.

Lothar Gröschel (rechts) zeigt, wie das Viertel vor der Kahlschlagsanierung ausgesehen hat.

Es ist ein schöner Herbsttag im September. Lothar Gröschel versammelt die Weddingreisenden am Eingang des Gleimtunnels. Vor einigen Jahren hat er die Veranstaltungsreihe „Nächste Ausfahrt Wedding“ mit ins Leben gerufen. Ziel dieser Kiezspaziergänge ist es, das eigene Viertel neu zu entdecken. Unter dem Motto „Die Stadt von morgen“ geht es heute gemeinsam der Frage auf den Grund, weshalb es hinter dem Tunnel so anders aussieht als in den benachbarten Gründerzeitvierteln in Prenzlauer Berg. Margot Visser, die fast ihr ganzes Leben im Brunnenviertel verbracht hat, und Sabine Sänger, die ebenfalls aus dem Kiez stammt und heute bei der degewo arbeitet, nehmen uns mit auf eine Zeitreise durch die umstrittene Kahlschlagsanierung der 60er- und 70er-Jahre.

Mietskasernen aus der Gründerzeit prägten das Brunnenviertel bis in die 1960er Jahre hinein. „Laut Zeitzeugenaussagen gab es nur wenige Kriegslücken in der damaligen Bebauung“, erklärt Lothar Gröschel, als die Gruppe am ersten Stopp Gleimstraße Ecke Swinemünder Straße ankommt. Das beweist auch die Luftbildaufnahme aus der Nachkriegszeit, die er in die Höhe hält. Historische Bilder, Fotos und Architekturpläne kommen auf der Tour noch häufiger zum Einsatz, um zu zeigen, wie der Stadtteil vor der Sanierung ausgesehen hat.

Zeitzeugin Margot Visser erklärt, was auf den historischen Fotos zu sehen ist.

Zeitzeugin Margot Visser erklärt, was auf den historischen Fotos zu sehen ist.

Das Brunnenviertel war ein gewachsener Kiez mit starken Hausgemeinschaften. Daran erinnert sich auch Margot Visser: „Die gemeinsame Zeit in den Bunkern während des Krieges und die Aufbauarbeit danach hat die Nachbarn zusammengeschweißt.“ Das erste Stadterneuerungsprogramm West-Berlins machte dem mit der sogenannten Kahlschlagsanierung ein Ende. 430.000 Wohnungen galten damals in West-Berlin als sanierungsbedürftig oder abrissreif – am Ende traf es vor allem das Brunnenviertel. Schluss mit Außenklo und Kohlenschleppen war die Devise, Neubauten mit Komfort und viel Grün sollten her. Die Bewohner wurden in Neubaukomplexe des Märkischen Viertels oder nach Gropiusstadt umgesiedelt. Für sie war das trotz moderner Wohnungen mit Heizung und Badezimmer oft schwer: „Einen alten Baum soll man eben nicht verpflanzen!“ So fasst die Zeitzeugin das Gefühl von damals zusammen.

Typische Bebauung im Brunnenviertel.

Typische Bebauung im Brunnenviertel.

Die Tour führt weiter in die Innenhöfe der Swinemünder Straße. Die großflächig angelegten Höfe sollten einen öffentlichen Raum im Privaten schaffen. Der Schwerpunkt bei der Neuplanung lag auf Wohnen, auf Gewerberäume hat man verzichtet. Früher war das anders: „In jedem Haus waren Handwerker und bestimmt zwei Geschäfte drin – das war die typische Berliner Mischung“, kommentiert Margot Visser die Fotos. Nach dem Kahlschlag blieb nur noch ein Fünftel der Gewerbe übrig. So ist auch der Seifenladen in der Wolliner Straße verschwunden, über dem sie aufgewachsen ist.

Am Ende geht es zum Vinetaplatz: Dort hatten die Städteplaner Visionäres vor. Der Platz sollte ein zentraler Aufenthaltsort sein, der alle nur denkbaren Aktivitäten im Freien ermöglicht und fördert – selbst eine Ecke für Autobastler wurde eingeplant. Auch am heutigen sonnigen Septembertag sind die Bänke voll besetzt. Von den damaligen Visionen sieht heute allerdings nur etwas, wer mithilfe der Stadtführer weiß, wo er hinschauen muss, und tiefer ins Gebüsch blickt.

Wer am 24. September beim Kiezspaziergang „Das Brunnenviertel – Die Stadt von morgen“  dabei sein möchte, trifft den Tourenführer Lothar Gröschel um 14 Uhr vor dem Gleimtunnel. Informationen über weitere Touren gibt es unter www.ausfahrtwedding.de.

Text und Fotos: Stefanie Ostertag

 

 

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