Barrierefreiheit

Punkte lesen, mit Händen sprechen

Miteinander kommunizieren – wie geht das ohne Sehsinn oder ohne Gehör?  Zwei Sprachen helfen, wenn eines der Sinnesorgane nicht funktioniert: die Brailleschrift und die Gebärdensprache.

Was wie ein Muster aus Spielsteinen aussieht, ist das Wort „SPRACHE“ in der Blindenschrift. Wann und wie entstand diese Schrift? Im Jahr 1825 entwickelte der damals 16-jährige Pariser Louis Braille (1809–1852) die Schrift. Mit nur drei Jahren war er infolge eines Unfalls in der Sattlerwerkstatt seines Vaters erblindet. Aufbauend auf der „Nachtschrift“ von Charles Barbier, mit der Soldaten im Dunkeln Nachrichten übermitteln konnten, entwickelte Braille eine eigene Schrift, die nach ihm benannte Brailleschrift.

sprache-braille-bearbeitetDurch die Kombination von sechs erhabenen Punkten, drei in der Höhe und zwei in der Breite, lassen sich alle Buchstaben, Umlaute, Satzzeichen und Zahlen darstellen. Selbst Zeichen der heutigen Zeit wie das @ wurden in die Schrift integriert. Insgesamt sind 64 Kombinationen der Punkte möglich.

Als leidenschaftlicher Klavierspieler entwickelte Braille auch eine Blindenschrift für das Lesen von Noten. Schon seit 1878 ist die Brailleschrift die international verbindliche Blindenschrift. Ein Jahr später wurde sie offiziell in Deutschland eingeführt. Damit sie für alle lesbar ist, wird sie heute in zwei Normen geregelt: in der DIN 32976 und der DIN 32986.

Die Brailleschrift gibt es für alle Sprachen,  auch für nicht lateinische und nicht alphabetische Schriften wie Chinesisch – und  sogar für chemische Formeln. Einen wesentlichen Unterschied  zur Schrift der Sehenden gibt es: In der Blindenschrift werden alle Sprachen von links nach rechts gelesen, also auch die arabische. Indem man in der Zeile von links nach rechts mit den Fingerspitzen über die Punktekombinationen fährt, entstehen aus den Buchstaben Wörter und in der Folge Sätze und Texte.

Eine Anmerkung am Rande: Im Jahr 1999 wurde ein sieben Jahre zuvor im Asteroiden-Hauptgürtel entdeckter Asteroid zu Ehren des Erfinders der Blindenschrift benannt. Er heißt seitdem Asteroid (9989) Braille.

Hörgeschädigte (Gehörlose oder Schwerhörige) nutzen eigentlich zwei Sprachen zur Verständigung. Hauptkommunikationsmittel ist die Gebärdensprache. Sie besteht aus einer Verbindung von Gestik, Gesichtsmimik, lautlos gesprochenen Wörtern und Körperhaltung. Wenn für ein Wort oder einen Namen noch kein Gebärdenzeichen verbreitet ist, wird zusätzlich auf das Fingeralphabet zurückgegriffen. Das heißt mithilfe der Finger wird das betreffende Wort buchstabiert.

So sieht die Abfolge der Fingerzeichen für das Wort „Sprache“ aus.

So sieht die Abfolge der Fingerzeichen für das Wort „Sprache“ aus.

Weit verbreitet ist das Einhand-Fingeralphabet, mit dem die Buchstaben durch die Finger einer Hand dargestellt werden. Dabei werden überwiegend die Formen der kleinen Buchstaben mit den Fingern nachgebildet. Zum Beispiel ergibt sich der Buchstabe „d“, wenn der Zeigefinger aufrecht steht, während der Mittelfinger oder die drei anderen Finger zusammen mit dem Daumen einen Kreis bilden.

Die älteste bekannte Veröffentlichung dieses Fingeralphabets stammt von Juan Pablo Bonet, einem Verwaltungsbeamten der spanischen Regierung, aus dem Jahr 1620. National haben sich Varianten des Fingeralphabets herausgebildet. Unterschiedlich dargestellt werden dabei zum Beispiel Laute aus mehreren Buchstaben. In einigen Ländern, unter anderem in Großbritannien, Indien, Australien und Tschechien, wird das Fingeralphabet mit zwei Händen ausgeführt.

Text und Illustrationen: Beate Heyne


Internetlinks zum Thema „Blind oder sehbehindert“

www.dbsv.org (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.)

www.blista.de (Deutsche Blindenstudienanstalt e.V., Marburg / Bildungs- und Hilfsmittelzentrum für Blinde und Sehbehinderte, gegründet 1916)

www.museum-blindenwerkstatt.de (Museum der Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin – ein Erlebnis auch für Sehende in Bezug auf die Historie, den Umgang mit einem Denkmal und die Museumsgestaltung für alle)

www.blinden-zentrum-tibet.de (1998 von der blinden Niederländerin Sabriye Tenberken gegründetes Projekt für blinde Kinder in Tibet – 1999 besuchte es die Autorin vor Ort, inzwischen ein weltweit arbeitendes Projekt)

Internetlinks zum Thema „Gehörlos“

www.gehoerlosenbund.de (Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.)

www.visuelles-denken.de (Seite des Wissenschaftsjournalisten Dr. Olaf Fritsche insbesondere für Hörende – für die Kommunikation mit Gehörlosen)

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