Sport

Eine echte Mannschaftsleistung

Viele Sporthallen in Berlin dienen als Flüchtlingsnotunterkünfte. Die Sportvereine in Wedding und Gesundbrunnen rücken in dieser Situation zusammen – und integrieren die Neuberliner.

Tagtäglich steht der Senat vor der Aufgabe, Hunderten von Geflüchteten Obdach zu geben. Sportanlagen gehören der öffentlichen Hand, so nutzt der Senat vor allem große Sporthallen mit über 1.000 Quadratmeter für die schnelle Unterbringung der Ankommenden. Dort können mindestens 200 Personen wohnen.

Bis Ende 2015 hatte der Senat 60 Sportanlagen in Notunterkünfte umgewandelt, 100 Sportvereine sind betroffen. Mit den großen Sporthallen gingen die Wettkampfstätten vieler Ballsportarten verloren. Der Spielbetrieb kam im Hallenhockey fast zum Erliegen, auch die Handballer, Basketballer und Volleyballer kämpfen mit Schwierigkeiten. Nicht zu vergessen ist, dass auch Tausende von Schülern und Schülerinnen zu wenig oder gar keinen Sportunterricht mehr haben.

Mit wenig Vorlaufzeit wurden Vereinsvorstände telefonisch informiert, wenn ihre Sporthalle in eine Notunterkunft umgewandelt werden sollte. Die Weddinger Wiesel zum Beispiel bekamen am Vorabend von Sportamtsleiter Ulrich Schmidt den Anruf und hatten so die Gelegenheit, Basketbälle, Trikots und andere Ausstattung aus der Sporthalle Wiesenstraße 56–58 zu räumen. Zum Glück konnten die Wiesel die Sachen im TimeOut in der Putbusser Straße einlagern.

Schnell haben die Vereine nach Lösungen gesucht und ihren alltäglichen Trainingsbetrieb und den Wettkampfbetrieb neu geplant. Hilfe boten zuerst die Sportämter. Sie vergeben die Nutzungszeiten an die Sportvereine. Viel schneller funktionierte in Gesundbrunnen die Unterstützung der Sportvereine untereinander. Sie handelten miteinander aus, ob man Trainingszeiten für einen anderen Verein abgeben kann oder sich eine Halle teilt. Durch die Hilfe der Vereine TSV Wedding, Berliner Turnerschaft, der Berlin Adler und Crossminton Füchse konnten die Basketballer von den Weddinger Wieseln ihren 16 Trainingsgruppen Alternativen bieten – und das schon zwei Tage nach Einstellung des Betriebs in ihrer Halle.  „Mir ist es wichtig, dass die Menschen nicht im Freien schlafen müssen. Da kann mein Sohn ein paar Einschränkungen beim Sport verkraften,“ so die spontane Reaktion einer Wiesel-Mutter.

Der Verein Turnsport 1911 ist mit seiner Handballabteilung von der Schließung der Sporthalle Osloer Straße Ecke Koloniestraße betroffen. Der Trainingsbetrieb läuft noch nicht wieder auf vollen Touren. Für den Spielbetrieb konnte das Sportamt Mitte jedoch mit einer Sporthalle in der Afrikanischen Straße aushelfen. Die restlichen Heimspiele finden in den Hallen des jeweiligen Spielgegners statt. Oder andere Handballvereine stellen Vereinen wie Turnsport 1911 noch freie Zeiten in der Wochenendbelegung zur Verfügung.

Bei den Vereinen ist das Verständnis für die Notsituation trotz aller Schwierigkeiten groß. Viele von ihnen öffnen ihre Sportangebote für die Angekommenen, um sie ganz unkompliziert willkommen zu heißen. Die Berlin Adler haben zum Beispiel eine Gruppe von Kindern aus der Flüchtlingsnotunterkunft Gotenburger Straße eingeladen, an ihrem Football-Jugendtraining in der Sporthalle Swinemünder Straße teilzunehmen. Die Unter-AG Sport des Unterstützernetzwerks Wedding hilft! kümmert sich seit mehr als einem Jahr um regelmäßige Sportangebote, die in der Böttgerstraße stattfinden – in Fußwegentfernung zu den mittlerweile vier Flüchtlingsunterkünften in Gesundbrunnen. Beide Varianten bieten eine willkommene Abwechslung vom Alltag für die Geflüchteten und – viel wichtiger – eine direkte Möglichkeit der Begegnung mit den Berlinern.

Alle Sportvereine und Fachverbände ziehen in dieser Situation an einem Strang. Man redet miteinander, anstatt in Besitzstandsdenken und Vereinsmeierei zu verharren. „Wir schaffen das“ ist kein leeres Versprechen der Sportvereine. Die Berliner Politik hat Ende des vergangenen Jahres zugesagt, zumindest keine weiteren Sporthallen mehr zu nutzen.

Text: Susanne Bürger (KiezSportLotsin)

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